SMT 2020 - Der Sonntag

Was wäre, wenn? Heute: Fertig Musikferien – Der Schalltag hat uns wieder.


Bilderserie von Emanuel Wallimann

Fertig Musikferien – Der Schalltag hat uns wieder

Was für ein Finale, was für eine Nacht! Mit Schauder und wohligem Verzücken stehen mir manche Details noch allzu klar vor Augen, während andere Geschehnisse gleich vom Ereignis weg ins Vergessen fielen. So soll es sein. Und nun?

Seit Sonnenaufgang schon halten einige Dutzend Heinzelmännchen das Dorf in festem Griff. Vorsichtig und leise stapeln sie Geschirr- und Leergutkästen an den Strassen; grosse Säcke mit Weiss- oder nicht mehr Weisswäsche stehen daneben. Plakate werden eingesammelt und Schilder abmontiert; der legendäre Infostand steht nur noch als Gerippe in der Welt. Seitdem die Glocken läuteten, geht es nun etwas handfester zu: Mit Krachen und Scheppern werden Hunderte Sitzbänke und Tische eingeklappt und aufgebeigt; Gabelstapler surren umher und bringen hoch gepackte Paletten von hier nach dort. Und erst die Horden der Kabelroller: Allüberall werden Kabel gerollt, als sei das ganze Dorf ein riesiger Spaghettiberg, den es zu entwirren gilt: sorgsam und liebevoll Schlinge um Schlinge, ohne jeden Hauch von Verdrehung, Verschlingung und Verzwirbelung … Noch selten habe ich junge trunkene Menschen so leidenschaftlich an der Arbeit gesehen!

Überhaupt: Die ganze HelferInnencrew ist heute wieder auf den Beinen, als wär‘s der erste Tag. Sie alle sind natürlich angemessen ermattet, durchgenudelt und ausgepumpt, doch glücklich, dass es so gut gelaufen wäre, wäre es denn gelaufen. Und auf dem Rand des Dorfbrunnens, wie die Hühner auf der Stange, hockt das Kernteam der Stanser Musiktage für ein letztes Meeting im noch laufenden Fest und – schweigt. Ein mattes, glückliches Lächeln liegt auf den Gesichtern. Viel muss ja auch nicht mehr gesagt werden. Eine Band nach der anderen wird noch verabschiedet und fortgewunken, ein Kässeli nach dem anderen geleert und gezählt. Und am Nachmittag um Vier gibt’s hoch oben auf luftiger Höhe, in der Gnadenkapelle Niederrickenbach, ja noch ein letztes Konzert, exotisch und exquisit, mit den indischen Violinenschwestern Lalitha & Nandini. Mit diesen karnatischen Klängen werden die 25. Stanser Musiktage dann Geschichte sein.

Tatsächlich: Sie haben stattgefunden, dank Ihnen, dank Ihrer Fantasie und ausdauernden Vorstellung. So eine erfundene Woche kann ja durchaus auch ein wenig lang werden, wenn man stets die Lesebrille vergass und ja auch sonst alle Hände voll damit zu tun hat, um die Ereignisse unserer Zeit zu bearbeiten oder zu verdrängen. Unseren herzlichsten Dank dafür, dass Sie uns so treu begleitet haben, bei diesem etwas verwegenen Ritt. Und den eigentlichen Dank erhalten sie vom 13. bis zum 18. April 2021, bei den nochmaligen 25. Stanser Musiktagen, live und in Farbe, voll und ganz auf dem Boden der harten, faktischen Realität!

Mir bleibt nun noch, ein wenig tagzuträumen und die übriggebliebenen Notizzettelchen mit dreisten Lügengeschichten und allzu struben Behauptungen zusammenzukehren und einige von ihnen vielleicht doch aufzubewahren, für die nächste Schwindelei; wer weiss, ob sie nicht zur Gewohnheit werden muss. Tagzuträumen auch von Ihnen, geschätzte Festivalbesucher, die sich so geduldig die Zeit stehlen liessen, obwohl wir doch damit sparen müssen für das, was uns noch bleibt. Tagzuträumen davon, wie Sie kurz die Gesichtsmaske lüpfen, um den Stanser Musiktagen heute zum Abschied zu winken und zu rufen: „Hebts guet! Wir sehen uns: Nächstes Jahr mit allen Registern der Kunst!“ Und die ganze Crew winkt Ihnen zurück und ruft: „Nichts wird wie vorher sein, doch es wird sein. Wenn Ihr wollt!“

›Was Ihr wollt …‹ –Shakespeare schmückte unsere wortknöchernen Saturnalien schon am ersten Tag und so sollen sie auch mit ihm enden, auf Illyrien, dieser geheimnisvollen Insel der Musik und der Liebe, der Irrungen und Wirrungen, der Unschuld und deren Gegenteil. Die Sehnsucht treibt ihr heiteres Spiel und lässt uns mit leicht verrücktem Kichern sehen, was wir sehen wollen, obschon doch alles anders ist – oder eben nicht; die Kulissen und Masken unserer sinnsprudelnden Begehren wechseln von Bild zu Bild, von Note zu Note und Leib zu Leib. Und enden soll nur, was auch neu beginnt, von Satz zu Satz und Nacht zu Nacht: „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist: Spielt weiter!“