Ein bisschen Anarchie im Chäslager

Das Big Zis Kinderkonzert bringt auch Erwachsene zum Nachdenken. Ein Augenschein im vollen Konzertsaal.

Die Schweizer Rapperin Big Zis schreibt keine Texte oder Musik für Kinder. Ihre Kinderkonzerte sind Experimente, aber nicht das, was die Zürcher Rapperin hauptsächlich machen möchte. Den Kindern ist das ziemlich egal, sie schreien, wackeln und hüpfen trotzdem.

Von Nina Laky

Im Foyer des Chäslagers herrscht am Samstag um 15 Uhr geschäftige Stimmung: Es wird konzentriert geknetet, farbiger Sirup geschlürft und ausgeleert, Bananen halbiert, Risolettos entpackt und mit grossen Augen Branchelis und Farmer gegessen. Kurz vor dem Big Zis Kinderkonzert reihen sich Eltern, Onkel, Gotten und Tanten mit dem Nachwuchs vor dem Eingang. Zahlreiche Billette streckt das junge Publikum von unten stolz dem Eingangspersonal entgegen.

Im Saal oben sitzen, liegen, stehen, essen und schlafen Kinder auf Böden, Stühlen, Vätern und Müttern. Big Zis kommt auf die Bühne und warnt vor: «Es wird imfall mega luut!» Das gefällt, stellt sich aber auch als Steilpass für zahlreiche Zwischenrufe heraus. Weil es dann doch «z'wenig luut!» ist und die Buben und Mädchen alles «lüüter, lüüter, lüüter!» möchten. Die Erwachsenen geben sich Mühe, nicht allzu oft «Schhhhh» zu sagen.

Keine Verniedlichung der Dinge

Das Publikum hört zuerst aufmerksam zu, bevor verschiedenste Tanzstile zum Ausdruck kommen. Die Kinder drehen sich hin und her, machen sowas wie Breakdance, Hüpfen, machen Dabbing oder auch etwas, das an exzentrisches Joggen an einer Stelle erinnert. Einer macht was mit dem Finger, das die Autorin auf die Bezeichnung Techno-Finger kommen liess. Und ab und zu fliegt ein Sitzkissen über die kleinen Köpfe.

Big Zis und ihr Musiker Beni06 spielen eine Stunde lang poetischen Elektro-Pop-Punk-Rap. Die Songs handeln nicht von Märchenschlössern und auch nicht Tierfreundschaften, es sind alles adaptierte und improvisierte Big Zis-Texte. So thematisiert das Kinderkonzert eben auch alltägliche Schwierigkeiten, die auf die Mehrheit des Publikums noch zukommen. Zum Beispiel wenn es heisst: «Wärtlos, wie alles wo du leischtisch, am Ändi, esch nüd wo blibt …», aber um ihnen nicht alle Illusionen zu nehmen, heisst es am Schluss dann zuversichtlich: «Mer gwöhnt sich dra.» Die Melodien dazu sind minimalistisch, verspielt, manchmal schnell und manchmal langsam aber alles im allem meistens fröhlich.

Am Ende des Konzerts wird Big Zis und Beni06 von ihrem Publikum auf der Bühne überrannt. Neugierig werden das Keyboard und die Trommeln unter die Lupe genommen. Das Mikrophon macht die Runde: Gemeinsam mit Big Zis wird nun gebeatboxt, gesungen und gewackelt. 

Nach dem Konzert wird der Saal so schnell leer, wie er voll geworden ist. Toilettengänge sind nötig, ein paar Kinder verspüren nach der körperlichen Verausgabung Hunger und/oder Müdigkeit.

War das das letzte Big Zis Kinderkonzert?

Nach dem Konzert sitzt Big Zis alias Franziska Schläpfer im Backstage. Ihr habe das Konzert gut gefallen, es sei natürlich aber auch ein dankbares Publikum. Aber so ganz überzeugend klingt es nicht. «Das war das zweite Kinderkonzert, das ich gegeben habe. Zum ersten hat man mich überredet. Zum zweiten in Stans jetzt auch. Ich weiss nicht, ob ich das nochmals machen will.» Sie probiere gerne Neues aus, aber sieht sich weniger als Unterhalterin: «Es ist eine Herausforderung, aber auch schön, wenn die Kinder Freude haben. Aber grundsätzlich ist es nicht das, was ich mit meiner Musik machen will.»

Seit sie selbst Mutter von drei Kindern ist, komme sie auch seltener zum Proben, auch zum Konzerte spielen und neue Songs schreiben. «Ich spiele nur noch Konzerte, ohne zu Proben, dazu fehlt mir die Zeit.» Das Kinderkonzert ist auf der Bühne entstanden, nur kurz habe sie vor dem Konzert einige Texte sortiert. «Gewisse Stücke von früher gehen natürlich gar nicht, da fluche ich viel zu viel», sagt Big Zis. Heute habe sie keine Lust mehr, so viel zu Fluchen. «Ich will wieder mehr Rappen, singen kann ich immer noch nicht besser», sagt sie und lacht.

Was hören ihre Kinder zuhause? «Bei uns sind die Ohrenwürm-CDs sehr angesagt, Boni Koller von der Band Schtärneföifi wohnt gleich unter uns. Das finden die Kinder natürlich toll.»

Momentan arbeitet Big Zis an einem neuen Album. Ein bisschen Geduld aber muss man noch haben. Es gehe nicht so schnell vorwärts, wie gewünscht. Um was könnten sich die neuen Texte drehen? «Mich interessiert, wie wir Menschen so ticken und ob wir anders ticken mit all den elektronischen Geräten um uns.» Jeden Tag lese sie die Zeitung, aber «über die Wahlen in Frankreich einen Song zu schreiben wäre dann doch zu konkret.» Momentan versuche sie noch rauszufinden, wie das mit dem Texten, Proben und Musik machen sich am besten organisieren lässt.

Lässt sich hoffen, dass Big Zis sich vielleicht nochmal zu einem Kinderkonzert überreden lassen wird. Dem Publikum hat es jedenfalls gefallen. 

Auf www.stansermusiktage.ch gibt es jeden Tag Interviews mit Bands und Berichte über Helferinnen und Helfern. Plus: In unserer täglichen Mini-Rubrik gehen wir jeweils fünf wichtigen Stichwörtern nach. Was hört, sieht, fühlt, isst und trinkt man an den SMT? Heute:

Gefühlt: Sehr erwachsen.
Getrunken: Orangensirup zu früher Stunde, Gin Tonic zu später.
Gegessen: Zum letzten Mal eine SMT-Wurst mit allem.
Gesehen: Stilleben mit Kindern und Knete auf dem Dorfplatz:


Gesagt: «Wohin gehst du? Du darfst jaaa nicht zu weit von der Bar weg, das ist gefährlich!»